Zur Übersicht

14. Dezember 2016

Drei Fragen an Oliver Winzenried, Mitbegründer und Vorstand der Wibu-Systems AG

Herr Winzenried, Sie setzen sich für vielfältige Forschungsprojekte und die Entwicklung industrieller Standards ein. Warum ist das für die Industrie so wichtig?
Dies sind zwei Fragen: Erstens, die Forschungsprojekte. Hier sind für mich zwei Punkte wichtig: ein sehr gutes Konsortium, in dem die Partner ohne Wettbewerbssituation ihre jeweiligen Kompetenzen einbringen und dadurch in kürzerer Zeit zu Ergebnissen kommen, von denen alle Partner profitieren. Und die spätere Übertragbarkeit in die eigenen Produkte. Die Förderung liegt meist zwischen 35 und 60 Prozent, die Mitarbeiterressourcen sind ein knappes Gut. Daher ist es wichtig, nicht nur einen beeindruckenden Demonstrator zu entwickeln. Die Ergebnisse müssen die jeweiligen Produkte signifikant verbessern und so die Wettbewerbsfähigkeit der beteiligten Unternehmen erhöhen. Zweitens, die Standards. Globale interoperable Standards sind elementar. Mittelständische Unternehmen sind kaum in der Lage Produkte global zu verkaufen, wenn auf allen Märkten andere Normen und Standards relevant sind. Außerdem nimmt im Zeitalter des Internet der Dinge und Industrie 4.0 die Vernetzung extrem zu. Damit sich Komponenten und Systeme unterschiedlicher Hersteller kombinieren lassen, also „interoperabel“ sind, benötigen wir dringend globale Standards.

Ein besonders wichtiges Thema ist die sichere Hard- und Softwaretechnologie für das Digital Rights Management (DRM). Im Nationalen Referenzprojekt IUNO nimmt dieses Feld vor allem bei der Entwicklung des Technologiedatenmarktplatzes eine bedeutende Rolle ein. Inwiefern trägt das DRM zur IT-Sicherheit bei?
Digital Rights Management ist ein Begriff, der aus der Zeit des Verkaufs von 99-Cent-Klingeltönen für Handys negativ besetzt ist. Wir verstehen darunter den Schutz von Know-how, beispielsweise für Software in Geräten, Maschinen und auch auf dem Büro-PC, aber auch für Produktionsdaten. Dies verhindert nicht nur das unrechtmäßige Kopieren und Nutzen, sondern auch Reverse Engineering – die Hauptursache für Produktpiraterie nach VDMA-Umfragen. Weiterhin können technische Schutzmaßnahmen neben dem Know-how auch die Integrität schützen, also verhindern, dass die Daten unbemerkt manipuliert werden und dadurch Produkte mit versteckten Mängeln hergestellt werden. In IUNO geht es speziell um Einstellungsdaten für Maschinen. Diese sind notwendig zur Verarbeitung von bestimmten Materialien mit bestimmten Techniken. Sie haben direkten Einfluss auf die Qualität des Produkts und auf die Qualität des Prozesses, also den Ausschuss. Diese Daten werden momentan schlecht monetarisiert. Die Technologiedaten sind entweder beim Maschinenkauf inklusive oder werden aufwändig erstellt und damit ein teurer Einmalkauf. Außerdem sind sie praktisch nicht geschützt, sondern im Klartext auf der Maschine und extrem einfach abzugreifen. Sie werden nicht gehandelt, da kein Marktplatz und keine Drittanbieter existieren. Diese Herausforderungen wollen wir lösen. Dazu setzen wir unsere CodeMeter-Technologie ein, die viele Lizenzen oder Berechtigungen hochflexibel und auch unabhängig für verschiedene Rechteinhaber erstellen, speichern und verteilen kann.

Viele kleine und mittlere Unternehmen haben die Vorteile von Industrie 4.0 noch nicht für sich erkannt. Aber warum sollten gerade diese Firmen die Möglichkeiten der vernetzten Produktion für sich nutzen?
Kleine und mittelständische Unternehmen hatten bisher höhere Agilität und durch schlanke Prozesse höhere Geschwindigkeit. Dieser Vorteil steht auf dem Spiel, denn durch hohe Qualitätsanforderungen und gesetzliche Anforderungen werden sie gebremst. Gleichzeitig werden große Unternehmen agiler und beschäftigen sich intensiv mit neuen Methoden. Ich möchte keine Namen nennen, aber praktisch alle großen Player sind gut bei Industrie 4.0 dabei. Der kleine Mittelstand muss unbedingt darüber nachdenken, welchen Mehrwert er seinen Kunden durch flexiblere Produktion, Digitalisierung und Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen in der Produktionskette bieten kann. Dabei hilft es, sich Pilotprojekte und Forschungsergebnisse genau anzusehen sowie Leitfäden und Hilfestellungen von Verbänden wie dem VDMA zu nutzen. Abzuwarten wäre fatal.